Stellenanzeige lesen: Muss- und Kann-Anforderungen erkennen

JobRise Team7 min read

Du liest eine Stellenanzeige, denkst „Das bin ich nicht", und klickst weg. Genau das passiert den meisten. Obwohl sie die Stelle hätten. Denn eine deutsche Stellenanzeige ist kein Kriterienkatalog, den du vollständig erfüllen musst, sondern ein Wunschzettel mit unterschiedlich lauten Prioritäten.

Der typische Aufbau#

Fast jede Anzeige in Deutschland, Österreich und der Schweiz folgt derselben Reihenfolge: erst das Unternehmen, dann die Aufgaben, dann das Profil, zuletzt das Angebot. Das ist kein Zufall, denn wer viele Anzeigen überfliegt, braucht eine Struktur, an der er sich schnell orientieren kann.

Der Abschnitt über das Unternehmen ist Marketing. Lies ihn trotzdem. Wenn dort steht „über 100 Jahre Tradition" oder „Familienunternehmen in dritter Generation", dann weißt du schon ungefähr, wie Entscheidungen dort fallen.

Der Profilteil ist der wichtigste. Hier steht, was wirklich zählt. Und hier entscheidest du, ob du weiterliest. Ohne Profil kein Urteil.

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(m/w/d) kurz erklärt#

Das Kürzel (m/w/d) steht für männlich, weiblich, divers, und es steht in fast jeder deutschen Stellenanzeige, weil Arbeitgeber die Stelle für alle Geschlechter ausschreiben müssen. In Österreich und der Schweiz siehst du ähnliche Formulierungen, manchmal auch (all genders) oder eine Kombination.

Was du dir merken solltest: Das Kürzel sagt nichts über die Stelle aus. Kein Geheimcode. Es ist ein rechtlicher Hinweis, keine Anforderung. Bewirb dich, egal wie du dich einordnest.

Muss- oder Wunschkriterium: Die Signale#

Das ist der Teil, den die meisten überlesen. Die Formulierung verrät dir, wie ernst es gemeint ist. Ein einziges Wort entscheidet.

Klare Muss-Kriterien:

  • „setzen voraus"
  • „zwingend erforderlich"
  • „Sie bringen mit"
  • „Voraussetzung ist"
  • „ohne diese Qualifikation ist eine Bewerbung nicht möglich"

Eher Wunschkriterien:

  • „idealerweise"
  • „wünschenswert"
  • „von Vorteil"
  • „ein Plus"
  • „Kenntnisse in ... sind hilfreich"
  • „gerne auch Quereinsteiger"

Ein Beispiel. In einer Anzeige für eine Marketingstelle steht: „Sie bringen eine abgeschlossene Ausbildung im Marketing mit. Kenntnisse in SEO sind von Vorteil." Dann ist die Ausbildung ein Muss, SEO ein Kann. Bewirb dich auch ohne SEO-Kenntnisse. Aber nicht ohne den Abschluss.

Manchmal steht auch beides in einem Satz, dann lies genau, welches Wort davorsteht, weil „Erfahrung mit SAP ist wünschenswert" etwas völlig anderes bedeutet als „Erfahrung mit SAP wird vorausgesetzt". Unterschied wie Tag und Nacht.

Warum du dich trotzdem bewerben solltest#

Studien oder genaue Zahlen dazu, wie viele Anforderungen realistisch sind, kenne ich nicht. Was ich dir aus der Praxis sagen kann: Wenn du 70 Prozent erfüllst und die Richtung passt, lohnt sich die Bewerbung fast immer. Also: Bewirb dich.

Unternehmen schreiben oft das Profil einer Person, die es nicht gibt. Sie nehmen dann die beste verfügbare. Wenn du wartest, bis du alles erfüllst, wirst du lange warten. Verdammt lange.

Zwei Ausnahmen. Erstens: Wenn eine formale Qualifikation fehlt, die rechtlich nötig ist, etwa eine Approbation oder eine Fahrerlaubnis einer bestimmten Klasse, dann ist Bewerben Zeitverschwendung. Zweitens: Wenn die Anzeige ausdrücklich sagt, dass ohne bestimmte Voraussetzungen keine Bewerbung möglich ist, dann glaub ihnen. Punkt.

Ansonsten gilt: Bewirb dich. Wo du passende Stellen findest, siehst du bei den aktuellen Stellenangeboten. Für den deutschen Markt lohnt der Blick auf die Jobs in Deutschland, wenn du gezielt dort suchst. Filter setzen. Loslegen.

Beispielanzeige Zeile für Zeile#

Hier eine typische Anzeige für eine Assistenzstelle. Ich nehme sie auseinander. Zeile für Zeile.

„Für unseren Kunden suchen wir eine/n Sachbearbeiter/in Buchhaltung (m/w/d)."

Das ist die Rolle. „Unseren Kunden" bedeutet: Vermittlung durch eine Zeitarbeits- oder Personalagentur, nicht direkte Festanstellung beim Unternehmen. Das ist kein Nachteil, aber du solltest wissen, bei wem du am Ende unterschreibst. Sonst wunderst du dich.

„Ihre Aufgaben: Buchung von Kreditoren- und Debitorenrechnungen, Abstimmung mit dem Vertrieb, Monatsabschlussarbeiten, Mitwirkung bei der Jahresabrechnung."

„Mitwirkung" ist ein schwaches Wort. Das heißt: Du machst die Jahresabrechnung nicht allein. „Buchung von Rechnungen" ist die Kernarbeit, das steht auch ganz vorne. Reihenfolge verrät Priorität.

„Sie bringen eine kaufmännische Ausbildung und erste Erfahrung in der Buchhaltung mit."

Zwei Muss-Kriterien: Ausbildung und Erfahrung. „Erste" heißt: Ein Jahr reicht, drei Jahre sind nicht nötig. Kein Grund zum Wegklicken.

„Kenntnisse in DATEV sind wünschenswert, Erfahrung mit SAP ist von Vorteil."

Zwei Kann-Kriterien. Ohne DATEV und ohne SAP kannst du dich bewerben, wenn du eins von beiden kannst, schreib es prominent in den Lebenslauf. Sonst weglassen.

„Sie sind belastbar, arbeiten strukturiert und bringen eine hohe Flexibilität mit."

Dazu gleich mehr. Das sind keine echten Kriterien, sondern Füllformeln. Nichts dahinter.

„Wir bieten: unbefristete Anstellung, 30 Tage Urlaub, betriebliche Altersvorsorge, Weiterbildungsangebote."

„Unbefristet" ist konkret. Die anderen Punkte stehen in fast jeder Anzeige. Frag im Gespräch, wie die Weiterbildung konkret aussieht. Details zu Gehalt, Zuschlägen oder Benefits hängen vom Vertrag, Tarifvertrag oder Geltungsbereich ab, prüfe die aktuellen offiziellen Quellen und den Arbeitsvertrag. Im Zweifel gilt der Vertrag.

Formulierungen vorsichtig deuten#

Manche Wörter in Stellenanzeigen tauchen ständig auf und sagen fast nichts. „Belastbar", „hohe Flexibilität", „junges dynamisches Team", „flache Hierarchien", „Herausforderungen", „Spaß an der Arbeit". Alles Floskeln.

Ich erfinde keine Geheimcodes. Was ich dir sagen kann: Diese Formulierungen sind Standardtextbausteine. Sie werden übernommen, ohne dass jemand lange darüber nachdenkt. Einfach kopiert.

„Belastbar" und „hohe Flexibilität" deuten aber oft auf Phasen mit mehr Arbeit hin, etwa zum Monats- oder Jahresende, und deshalb fragst du im Gespräch konkret: „Wie sieht ein typischer Monatsabschluss aus, wie viele Überstunden sind da üblich?" Dann bekommst du eine echte Antwort. Oder eine Ausflucht. Beides ist aufschlussreich.

„Junges dynamisches Team" heißt: Das Team ist jung. Ob es dynamisch ist, weißt du erst nach drei Monaten. „Flache Hierarchien" heißt: Wenige Ebenen zwischen dir und der Geschäftsführung, aber ob das gut ist, hängt davon ab, wie Entscheidungen dort wirklich fallen. Nicht von der Org-Chart.

Keywords für den Lebenslauf#

Nimm die Anzeige, lies den Profilteil dreimal, und markiere jedes Fachwort, das dort vorkommt. Programme, Methoden, Sprachen, Branchen, Abschlüsse. Das sind die Keywords, nach denen der ATS oder der Recruiter sucht. Stift raus. Markieren.

Wichtig: Übernimm nur das, was stimmt. Wenn in der Anzeige „DATEV" steht und du DATEV kannst, dann schreib genau „DATEV" in den Lebenslauf, nicht „Buchhaltungssoftware", weil der Recruiter nach dem Wort sucht und nicht nach deiner Umschreibung. Wenn du es nicht kannst, lass es weg. Sonst fliegst du im Gespräch auf.

Für die Struktur deines Lebenslaufs gibt es eigene Regeln, die sich in den letzten Jahren geändert haben, und deshalb lies den Artikel zum ATS-konformen Lebenslauf, bevor du anfängst zu formatieren. Formatierung zuletzt.

Wenn du unsicher bist, ob dein Lebenslauf die Keywords überhaupt enthält und ob ein ATS ihn lesen kann, nutze den kostenlosen ATS-Check. Der zeigt dir in wenigen Minuten, wo es hakt. Kostet nichts.

Vor dem Abschicken#

Ein kurzer Check, den du vor jeder Bewerbung durchgehst:

  • Hast du alle Muss-Kriterien identifiziert und im Lebenslauf belegt?
  • Stehen die Keywords aus dem Profilteil in deinem Lebenslauf, wenn sie auf dich zutreffen?
  • Hast du Wunschkriterien ignoriert, die du nicht erfüllst, statt dich zu entschuldigen?
  • Hast du die Formulierungen wie „belastbar" oder „Flexibilität" als Standardtext gelesen und nicht als Anforderung?
  • Weißt du, ob die Stelle direkt beim Unternehmen oder über eine Vermittlung ist?
  • Hast du die Aufgaben gelesen und nicht nur das Profil?

Das letzte ist der häufigste Fehler. Die Aufgaben verraten dir, ob du die Stelle überhaupt machen willst, und das Profil verrät nur, ob sie dich nehmen würden. Zwei verschiedene Fragen. Verwechsle sie nicht.

Kostenlose Tools#

Häufige Fragen#

Muss ich wirklich alle Anforderungen erfüllen?

Nein. Formulierungen wie „wünschenswert", „von Vorteil" oder „idealerweise" zeigen dir, was optional ist. Wenn du die Muss-Kriterien erfüllst und die Richtung passt, lohnt die Bewerbung.

Was bedeutet (m/w/d) genau?

Es steht für männlich, weiblich, divers und zeigt an, dass die Stelle für alle Geschlechter offen ist. Der Zusatz ist ein rechtlicher Hinweis und sagt nichts über die Aufgaben oder die Bezahlung aus.

Woran erkenne ich ein Muss-Kriterium?

An Wörtern wie „setzen voraus", „zwingend", „Voraussetzung ist" oder „Sie bringen mit". Steht dagegen „wünschenswert", „von Vorteil" oder „ein Plus", ist es ein Kann-Kriterium.

Sollte ich mich bewerben, wenn ich nur die Hälfte erfülle?

Wenn du die Hälfte der Muss-Kriterien erfüllst und die Richtung passt, ja. Wenn eine formale Voraussetzung fehlt, die rechtlich verlangt wird, etwa eine bestimmte Fahrerlaubnis, dann nicht.

Wie finde ich die richtigen Stellen für mich?

Filtere nach Ort, Branche und Anforderungsprofil, und lies den Profilteil vor dem Absenden genau durch. Für Österreich und die Schweiz gelten eigene Gepflogenheiten bei Verträgen und Benefits, Details stehen im Vertrag oder im anwendbaren Kollektivvertrag.

Schick das der Person, die diese Woche das Interview hat.