Arbeitsvertrag prüfen: diese Punkte vor der Unterschrift

JobRise Team9 min read

Du hältst den Vertrag in der Hand, die Unterschrift ist morgen fällig, und irgendwo auf Seite sieben steht ein Satz, den du nicht verstehst. Genau da setzen wir an. Ich zeige dir, was du vorher liest, welche Formulierungen dir Zeit kaufen, und wann du den Vertrag jemandem zeigen solltest, der sich auskennt.

Nimm dir dafür eine Stunde, Stift, Handy und eine leere Seite für Notizen. Kein Durchlesen im Zug. Nicht bei Kaffee mit Freunden. Der Recruiter hat deinen Lebenslauf nur überflogen, du darfst beim Vertrag deutlich gründlicher sein.

Tätigkeit, Arbeitsort und Homeoffice#

Lies die Tätigkeitsbeschreibung dreimal. Steht dort eine Aufgabe, über die nie gesprochen wurde? Dann frag nach, bevor du unterschreibst. Eine zu weite Formulierung wie „sonstige Aufgaben des Unternehmens" ist üblich, aber sie darf nicht die Kernaufgabe ersetzen, die man dir im Gespräch verkauft hat.

Beim Arbeitsort zählt die Adresse im Vertrag. Steht dort nur „München", kann dein Arbeitgeber dich theoretisch in jede Niederlassung der Stadt schicken. Steht eine konkrete Adresse drin, ist das für dich klarer. Kleiner Unterschied. Große Wirkung.

Homeoffice steht oft gar nicht im Vertrag, sondern in einer separaten Betriebsvereinbarung oder einer E-Mail, und das ist rechtlich möglich, aber praktisch riskant, weil die Regelung dann schneller geändert wird. Frag konkret: Wie viele Tage pro Woche gelten, was passiert bei Rückkehr ins Büro, wer zahlt den Bildschirm. Hol dir die Antwort schriftlich. Sonst zählt sie nichts.

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Bruttogehalt und seine Bestandteile#

Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Das Fixum steht fast immer als Jahres- oder Monatsbrutto. Aber alles andere: Bonus, variable Vergütung, Zuschläge, 13. Gehalt, Provision, das muss im Vertrag stehen, sonst ist es eine freundliche Behauptung.

Steht im Vertrag „leistungsorientierte Vergütung möglich", ist das kein Gehalt. Frag nach der konkreten Höhe, der Berechnungsgrundlage und dem Auszahlungszeitpunkt. Wenn der Bonus an persönliche und unternehmensweite Ziele geknüpft ist, frag, wer die Ziele festlegt und ob es eine schriftliche Zielvereinbarung gibt. Frag hart. Freundlich, aber hart.

Beispiel für eine Rückfrage per Mail

Vielen Dank für den Entwurf. Eine Frage zur variablen Vergütung: Im Vertrag ist von einem Bonus „nach Ermessen des Arbeitgebers" die Rede. Können Sie mir bitte mitteilen, welche konkrete Höhe im Schnitt der letzten Jahre ausgezahlt wurde und ob eine schriftliche Zielvereinbarung Teil des Vertrags wird? Ich würde das gern vor der Unterschrift klären.

Der Ton ist freundlich, die Frage ist konkret, und du bekommst eine belastbare Antwort oder eben gar keine, was auch eine Antwort ist. Wenn du gerade den Vertrag mit dem Angebot vergleichst, hilft ein Blick auf aktuelle Stellenangebote, um zu sehen, was andere Arbeitgeber für ähnliche Rollen ausloben.

Überstunden und Arbeitszeit#

Die gefährlichste Klausel steht fast nie oben. Sie kommt weiter unten, meist mit „Mit dem Gehalt sind Überstunden abgegolten." Lies den ganzen Satz. Steht dort „bis zu X Stunden pro Monat" oder „die gesetzlich zulässigen Überstunden"? Das ist ein Unterschied.

Eine Pauschalabgeltung ohne jede Grenze ist problematisch, gerade wenn du eine Führungsrolle oder eine Verantwortungsposition hast, weil dann niemand mehr nachzählt, wie viele Abende du wirklich gearbeitet hast. Verhandel eine Obergrenze, oder zumindest einen Freizeitausgleich. Notiere dir, was im Vertrag steht, nicht was im Gespräch gesagt wurde. Der Vertrag gewinnt immer.

Arbeitszeit: Stunden pro Woche, Verteilung auf die Tage, Gleitzeit, Kernarbeitszeit. Steht „Vollzeit" ohne Stundenzahl, frag nach. In Deutschland, Österreich und der Schweiz gelten unterschiedliche Regelungen zur Höchstarbeitszeit, und die gehören in den Vertrag oder in eine anwendbare Betriebsordnung, nicht in eine mündliche Absprache, die später niemand mehr bestätigt.

Urlaub, Probezeit und Befristung#

Urlaubstage stehen fast immer als Zahl. Prüfe, ob die Tage auf Basis einer Fünf-Tage-Woche oder einer Sechs-Tage-Woche gemeint sind. Das verändert die Rechnung erheblich.

Bei der Probezeit gilt: Sie ist eine Vereinbarung zwischen dir und dem Arbeitgeber, keine gesetzliche Pflicht. Die Kündigungsfrist in der Probezeit ist kürzer als danach, aber wie genau, hängt von Vertrag und anwendbarem Recht ab. Lies die konkrete Frist im Vertrag nach. Nicht im Internet.

Befristung: Steht ein Enddatum drin, ist der Vertrag befristet. Das hat Konsequenzen für Kündigungsschutz, Verlängerung und Sozialplan. Wer unsicher ist, ob eine Befristung überhaupt zulässig ist, sollte vor der Unterschrift nachlesen, wie befristete und unbefristete Verträge sich unterscheiden und worauf man bei der Verlängerung achten muss.

Kündigungsfristen#

Die Kündigungsfrist im Vertrag ist oft länger als die gesetzliche, und das ist für beide Seiten bindend, solange es nicht zu Lasten des Arbeitnehmers unangemessen ist. Schau dir an: Frist während der Probezeit, Frist danach, Frist für Arbeitgeber und Arbeitnehmer, ob sie symmetrisch sind.

Sonderkündigungsklauseln gibt es auch: verlängerte Fristen nach einer Fortbildung, Fristen bei Elternzeit, Fristen bei Krankheit. Notiere die konkreten Monatszahlen und rechne sie durch, was das für deinen Wechselwunsch in zwei Jahren bedeutet. Rechne es wirklich durch. Nicht nur überfliegen.

Tarifvertrag, Nebentätigkeit, Wettbewerb#

Steht im Vertrag, dass ein Tarifvertrag gilt, dann gilt er. Das ist gut, weil er oft Urlaub, Zuschläge und Kündigungsfristen regelt. Frag, welcher Tarifvertrag, und ob er für deine Branche üblich ist.

Nebentätigkeiten: Manche Verträge verlangen eine vorherige Zustimmung. Das ist zulässig, aber die Zustimmung darf nicht grundlos verweigert werden, wenn keine berechtigten Interessen des Arbeitgebers betroffen sind. Wenn du einen kleinen Freelance-Job oder Ehrenamt hast, sag das vorher und lass es im Vertrag vermerken. Später wird es unangenehm.

Das Wettbewerbsverbot ist ein eigenes Kapitel, und es ist die Klausel, die Leute Jahre später noch Geld kostet, wenn sie den Arbeitgeber wechseln wollen. Steht eines im Vertrag, prüfe drei Dinge: Dauer nach Beendigung, geografischer Umfang, und ob eine Karenzentschädigung, also eine Ausgleichszahlung, vereinbart ist. Ohne Ausgleichszahlung ist ein nachvertragliches Wettbewerbsverbot in der Regel nicht wirksam, aber die Details hängen vom Land und vom Vertrag ab. Im Zweifel zum Anwalt.

Rückzahlungsklauseln für Fortbildungen#

Wenn der Arbeitgeber eine teure Schulung zahlt, steht oft eine Rückzahlungsklausel im Vertrag. Lies die Frist, die Höhe und die Staffelung. Eine Klausel, die bei Kündigung am Tag nach der Schulung die volle Summe zurückfordert, ist etwas anderes als eine, die monatlich abschmilzt.

Frag: Was passiert, wenn ich gekündigt werde, nicht aus meiner Schuld? Was passiert, wenn der Arbeitgeber die Fortbildung absagt? Bekomme ich ein Zertifikat, das ich mitnehmen kann? Hol dir das schriftlich. Mündlich reicht hier nicht.

Ausschlussfristen#

Hier verlieren viele Geld. Eine Ausschlussfrist, auch Verfallfrist, bedeutet: Ansprüche wie Überstundenvergütung, Boni oder Resturlaub müssen innerhalb einer bestimmten Zeit geltend gemacht werden, sonst verfallen sie. Steht so etwas im Vertrag, notiere die Frist und setze dir eine Erinnerung.

Typisch sind Fristen von wenigen Monaten nach Fälligkeit. Wie lang sie sein darf, hängt vom anwendbaren Recht und davon ab, ob es einen Tarifvertrag gibt. Wenn du dir unsicher bist, zeige den Vertrag einer Gewerkschaft, einem Fachanwalt für Arbeitsrecht oder einer Beratungsstelle, bevor du unterschreibst.

Wenn der Vertrag vom Gespräch abweicht#

Mündliche Zusagen sind wertlos, wenn sie nicht im Vertrag stehen. Das ist kein Zynismus, das ist Praxis. Wenn dir im Gespräch 60.000 Euro und zwei Tage Homeoffice versprochen wurden, aber im Vertrag 55.000 Euro und „mobiles Arbeiten nach Absprache" stehen, dann gilt der Vertrag.

Du hast zwei Möglichkeiten: freundlich nachfragen, oder eine Ergänzung fordern. Hier ist eine Formulierung, die funktioniert:

Vielen Dank für den Vertragsentwurf. Im Gespräch haben wir über 60.000 Euro Jahresbrutto und zwei feste Homeoffice-Tage gesprochen. Im Entwurf stehen 55.000 Euro und eine mobiles-Arbeiten-Regelung nach Absprache. Können wir das vor der Unterschrift anpassen, damit der Vertrag und unsere Absprache übereinstimmen?

Kein Vorwurf, keine Dramatik. Nur der Hinweis auf eine Diskrepanz. Wenn der Arbeitgeber nicht bereit ist, das zu korrigieren, ist das eine Information über die Zusammenarbeit, die du ernst nehmen solltest. Sag nichts. Denk nach.

Checkliste für die letzte halbe Stunde#

  • Tätigkeit und Kernaufgabe im Vertrag mit dem Gespräch abgleichen
  • Arbeitsort: konkrete Adresse oder nur Stadt?
  • Homeoffice: Tage, Ausstattung, Rückkehrregelung
  • Fixgehalt, Bonus, 13. Gehalt, Zuschläge einzeln prüfen
  • Überstunden: Abgeltung ja/nein, mit oder ohne Obergrenze
  • Arbeitszeit: Stunden pro Woche, Verteilung, Gleitzeit
  • Urlaubstage: Basis Fünf-Tage- oder Sechs-Tage-Woche
  • Probezeit: Länge und Kündigungsfrist in dieser Phase
  • Befristung: Enddatum, Verlängerung, Kündigungsmöglichkeit
  • Kündigungsfristen für beide Seiten vergleichen
  • Tarifvertrag: welcher, und gilt er für dich
  • Nebentätigkeit: Zustimmungspflicht klären
  • Wettbewerbsverbot: Dauer, Umfang, Ausgleichszahlung
  • Rückzahlung Fortbildung: Summe, Frist, Staffelung
  • Ausschlussfristen: wie lange, für welche Ansprüche
  • Abweichungen zur mündlichen Zusage notieren und ansprechen

Wenn du parallel Bewerbungen schreibst, kontrollier auch deinen Lebenslauf auf Lesbarkeit für Bewerbermanagement-Systeme. Der kostenlosen ATS-Check zeigt dir in wenigen Minuten, ob deine Datei sauber durchkommt. Und wer noch nicht weiß, wo er sich bewerben will, findet in den Jobs in Deutschland einen guten Einstieg in die Suche.

Häufige Fragen#

Was mache ich, wenn ich eine Klausel nicht verstehe?

Frag beim Arbeitgeber nach, schriftlich, und lass dir die Antwort per Mail bestätigen. Wenn danach noch Unklarheiten bleiben, geh zu einer Gewerkschaft, einem Fachanwalt für Arbeitsrecht oder einer Beratungsstelle, bevor du unterschreibst.

Darf mein Arbeitgeber mündliche Zusagen einfach ignorieren?

Er muss sie nicht beweisen, wenn nichts Schriftliches vorliegt. Deshalb: Alles, was besprochen wurde, gehört in den Vertrag oder in eine Mail, die du aufbewahrst.

Ist eine pauschale Abgeltung von Überstunden immer ungültig?

Nein, das hängt von der Formulierung, deiner Position und dem anwendbaren Recht ab. Eine Klausel ohne jede Grenze ist angreifbar, aber ob sie im Einzelfall wirksam ist, klärt ein Anwalt.

Was ist der Unterschied zwischen Probezeit und Befristung?

Die Probezeit ist eine Phase innerhalb eines unbefristeten Vertrags, in der kürzere Kündigungsfristen gelten. Eine Befristung ist ein Vertragsende zu einem festen Datum, sie hat andere Konsequenzen für Kündigungsschutz und Verlängerung.

Wie lange sollte ich mir für die Prüfung Zeit nehmen?

Plane eine Stunde für die erste Durchsicht, plus Zeit für Rückfragen per Mail. Wer den Vertrag abends in zehn Minuten liest, übersieht genau die Klauseln, die später teuer werden.

Schick das der Person, die diese Woche das Interview hat.